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Sa, 05:02 Uhr
11.03.2017
Landespolitiker äußern sich

Fragen zum Thema Waldwildnis Possen (2)

Der Possen soll nicht nur so verwildern. Fragen und Antworten zur Nutzungsfreistellung von fünf Prozent der Waldfläche in Thüringen und zu einem Wildnisgebiet auf dem Possen (Hainleite) hat kn nachgefragt. In einer kleinen Serie stellt kn das Projekt aus Sicht von Bündnis 90 / Die Grünen vor. Hier Teil 2 mit den Fragen zur Waldentwicklung und dem Tourismus...


Warum soll am Possen auf einer Fläche von 2.500 ha Waldwildnis entstehen?


Die natürliche Entwicklung in mitteleuropäischen Laubwäldern ist gekennzeichnet durch Verjüngungsphase, Jugendphase, Optimalphase, Terminalphase und Zerfallsphase. Im Wirtschaftswald wird dieser Zyklus spätestens in der Optimalphase und einem Baumalter von etwa 150 Jahren unterbrochen. Dann werden die Bäume geerntet. In diesem Alter haben Buchen aber erst etwa ein Drittel ihrer natürlichen Lebensspanne erreicht. Der größte Teil der natürlichen Waldentwicklung wird im normalen Forstbetrieb daher unterbunden.

Viele Waldarten sind auf eine vom Menschen unbeeinflusste, natürliche Waldentwicklung angewiesen, in der alle Waldstadien repräsentiert sind. In Thüringen sind z.B. eine Vielzahl holzbewohnender Arten („Xylobionten“) entweder ausschließlich oder überwiegend in ihrem Vorkommen auf den Nationalpark Hainich beschränkt. Auch die Wildkatze hat in Thüringen ihren Verbreitungsschwerpunkt im Nationalpark.

Ausschlaggebend hierfür ist der Totholzreichtum, welcher sich erst in reifen Waldökosystemen ausbildet. Die für Naturwälder charakteristischen teils mächtigen Totholzmengen in allen Zerfallsstadien sind die Basis für die Regeneration der Waldböden.

Ein weiterer wesentlicher Faktor ist die sogenannte Patchiness urwaldartiger Bestände.
Nur in großflächig ungenutzten Waldlebensräumen bildet sich das spezifische Flächenmosaik aus dynamisch wechselnden Waldstadien, welches vor allem für Urwaldarten die Nischen zum Überleben bietet. Thüringen verfügt zwar bereits über ein Netz von Naturwaldparzellen inklusive der Kernzonen in den Biosphärenreservaten, welches die unterschiedlichen Waldstandorte Thüringens repräsentiert. Die durchschnittliche Flächengröße dieser Parzellen liegt aber unter 100 ha. Die größte, zusammenhängende nutzungsfreie Waldfläche bildet zur Zeit der Nationalpark Hainich.

Nach internationalen Expertenempfehlungen („Wild Europe Initiative“) wird für Deutschland aufgrund der naturräumlichen Gegebenheiten für Wälder eine Mindestgröße von 1.000 Hektar als Fachstandard definiert. Auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung (SRU) fordert in seinem jüngsten Umweltgutachten „Impulse für eine integrative Umweltpolitik vom 10.05.2016 mehr Raum für Wildnisgebiete auf großer Fläche in Deutschland.

Widerspricht der Nutzungsverzicht den Erhaltungszielen des FFHGebietes?


Nein! Wertvolle, gemeldete FFH-Lebensräume (Steppenrasen, Kalktrockenrasen, Eichen-Hainbuchenwälder) würden aufgrund der natürlichen Waldentwicklung verschwinden.

Die von einer möglichen Sukzession betroffenen FFH-Lebensräume liegen überwiegend am nördlichen Rand des Waldgebietes. Bei Auswahl der der 2.500 ha Kulisse für den Nutzungsverzicht, kann diese so gelegt werden, dass sensible FFHOffenlandlebensräume und Eichenwälder nicht betroffen sind.

Verträgt sich die Urwaldentwicklung mit einer touristischen Entwicklung?


Fragen zum Thema Waldwildnis Possen (2) (Foto: Karl-Heinz Herrmann) Ja! Das Freizeitzentrum Possen gehört mit jährlich 300.000 Besucher*innen zu den wichtigsten touristischen Leuchttürmen in Thüringen. Erfahrungen aus dem Nationalpark Hainich und anderen Nationalparken zeigen, dass auch bei Verzicht auf Holznutzung eine touristische Erschließung des Waldes problemlos möglich ist. Im Nationalpark Hainich gib es kein Wegegebot. Daher soll auch für einen Possen-Urwald das Prinzip gelten: Jeder Fußgänger darf zu jedem Zeitpunkt an jeden Ort im Urwald.

Dadurch wird gewährleistet, dass die Menschen die Entwicklung im Possen vom bewirtschafteten Wald zur Waldwildnis selbst jederzeit und an jedem Ort erleben und erfahren können.

Der Tourismusverband des Kyffhäuserkreises befürwortet daher ausdrücklich den forstlichen Nutzungsverzicht auf 2.500 ha als Chance für die touristische Weiterentwicklung der gesamten Region.

Morgen erscheint Teil 3

Waldwildnis Possen Teil 1
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