nnz-tv Eichsfelder Nachrichten Mansfeld-Südharz-Zeitung neue nordäuser zeitung Unstrut-Hainich Zeitung
So, 15:40 Uhr
19.03.2017
Mario's Bücherkiste

Der letzte Überlebende

Er wurde 1959 in Nordhausen geboren, hat in Redaktionen vieler großer Deutscher Zeitungen gearbeitet. Und der Mann liest gern. Für die Nordthüringer Online-Zeitungen stöbert Mario Bartsch in den Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt...


Sam Pivnik war gerade mal 13 Jahre alt, als die Wehrmacht in Polen einmarschierte. Mit der Familie lebte er in einem oberschlesischen Städtchen, der Vater war Schneider und stopfte den Leuten die Hosen. Da wurde aus dem Städtchen ein Ghetto, und Sam, der damals noch „Szlamek“ hieß, war mittendrin. In seinem Buch „Der letzte Überlebende“ erzählt er die Geschichte seines Überlebens im Holocaust. Es ist ein Dokument menschlicher Leidensfähigkeit, inmitten menschlicher Niedertracht.

„Nach rechts bedeutete Leben. Nach links bedeutete Tod im Gas. Keine Erklärungen, keine Begründungen. Nur eine lässige Bewegung eines Fingers in einem makellos sauberen Handschuh. Rechts, links, links, rechts, links, links.“ So beschreibt Sam Pivnik die Selektion an der berüchtigten „Rampe“ von Auschwitz. Sie ist längst zum Symbol für den Holocaust insgesamt geworden. Hier „selektierten“ SS-Ärzte oder auch ganz normale Wächter, wer sofort zu den Gaskammern geschickt und wer als Häftling, also Sklavenarbeiter, ins eigentliche KZ eingewiesen wurde.

An Pivniks 13. Geburtstag marschierte die Deutsche Wehrmacht in Polen ein. Er und seine Familie erleben im oberschlesischen Bedzin im Zeitraffer, wie sich das jüdische Städtchen in die Hölle auf Erden verwandelt: Bombenterror, Einmarsch der Deutschen, Verhaftungen und Erschießungen, die Einrichtung des Ghettos, Deportationen. „Innerhalb von sieben Tagen war die Welt, die wir kannten, verstanden und liebten, verschwunden.“

Eine Zeitlang entkommt die Familie der Deportation der Vater nähte Wehrmachtsuniformen und galt damit als „kriegswichtig“. 1943, nach einem Aufstand im Bedziner Ghetto, wird die gesamte jüdische Bevölkerung deportiert. Es sind gerade einmal 40 Kilometer bis Auschwitz-Birkenau. Mutter, Vater, zwei Schwestern und drei jüngere Brüder werden gleich umgebracht. Pivnik kämpft immer wieder um sein Leben, übersteht den Typhus, Prügel, Unterernährung und Todesmarsch.

Sam Pivnik "Der letzte Überlebende" (Foto: Konrad Theiss Verlag) Sam Pivnik erzählt in „Der letzte Überlebende“ wie er Auschwitz überlebte - von den täglichen Schikanen und den kleinen Versuchen, bei aller Erniedrigung einen Rest Würde zu behalten. Mit dem Blick eines Augenzeugen seziert er den Lageralltag: die Zählapelle, Zwangsarbeit und willkürliche Gewalt. Stück für Stück legt er so das perfide Lagersystem frei. Es folgen die Befreiung, die Auswanderung nach Israel, das Abtauchen vieler Nazigrößen und der vergebliche Wunsch nach Gerechtigkeit. Das Persönliche ist immer eingebettet in das umfangreiche Hintergrundwissen, das ein Rechercheteam über Jahre zusammengetragen hat.

„Bleib Mensch. Hab Geduld mit der Gesellschaft, mit jedem einzelnen Menschen. Man kann nicht jede Minute und Stunde damit leben. Man lebt. Leben und leben lassen." Das ist Pivniks Motto. Damit hat er es geschafft, nach dem Krieg sein Leben aufzubauen. Menschlichkeit ist ihm wichtig. Und die ist seiner Meinung nach nur möglich, wenn man aus der Geschichte lernt, damit so etwas nie wieder passiert. „Der letzte Überlebende“ ist ein Buch, das man lesen muss. Ich rate dazu.

Über den Autor:

Pivnik, Sam, 1926 geboren, wächst Sam im schönen oberschlesischen Städtchen Bedzin auf. Am 1. September 1939, Sams 13. Geburtstag, überfallen die Deutschen Polen. Über das, was dann geschah, hat Sam Pivnik lange geschwiegen. Er lebt heute in einem Seniorenheim in London.
Mario Bartsch

Sam Pivnik: „Der letzte Überlebende: Wie ich dem Holocaust entkam“
Gebundene Ausgabe: 296 Seiten, 16 schwarz-weiß Illustrationen
Konrad Theiss Verlag; 2017
19,95 Euro
ISBN 978-3806234787
← zum Nachrichtenüberblick
→ Druckversion

Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.
→ Kommentar hinzufügen



Es gibt kein Recht auf Veröffentlichung.
Beachten Sie, dass die Redaktion unpassende, inhaltlose oder beleidigende Kommentare entfernen kann und wird.