nnz-tv Eichsfelder Nachrichten Mansfeld-Südharz-Zeitung neue nordäuser zeitung Unstrut-Hainich Zeitung
Fr, 07:00 Uhr
14.07.2017
Lichtblick zum Wochenende

Thomas Müntzer und wir

Am Montag dieser Woche kam zu später Stunde auf unserem Heimatsender MDR der 1956 von Martin Hellberg gedrehte, 135minütige Film zu Thomas Müntzers Leben und Wirken. Superintendent Kristof Balint hat darin Inspiration für den Lichtblick zum Wochenende gefunden...

Dieser Film wurde, auf Drängen des Kulturministeriums der DDR, zum Jahrestag 1975 in einer um ca. 30 Minuten kürzeren Fassung neu ausgestrahlt.
Diese dreißig Minuten kamen u.a. deshalb „unter die Schere“, weil historische Bezüge zum süddeutschen Raum, der nicht im Gebiet „der größten DDR aller Zeiten“ lag, vermieden werden sollten. Dabei ging es den Bauern dort im frühen 16. Jahrhundert nicht besser als im hiesigen Nordthüringer Raum und eine innerdeutsche Grenze war auch nicht geplant.

Dieses Beispiel der Zensur auf DDR-Seite bekam sein Pendant in der Tatsache, dass der Film in der damaligen BRD nicht gezeigt werden durfte (nach Beschluss des Interministeriellen Ausschuss für Ost-West-Filmfragen), weil er staatspolitisch eingefärbt und historisch ungenau sei. So hatten beide Systeme ihre Schattenseiten - hier jedoch nur für den Regisseur von großer Tragweite.

Ich frage mich, warum eine solche Zensur nötig war, denn wohl ist richtig, dass der Film staatspolitisch gefärbt und Müntzer instrumentalisiert wurde. Doch musste er deshalb den kritischen Menschen vorenthalten werden?

Noch heute ist dem gelernten DDR-Bürger mehr als offenkundig, dass dieser Film eine „gelenkte Wahrheit“ transportieren wollte. Müntzer wird als ein mittelalterlicher Revolutionär dargestellt, der zumindest mit dem DDR-Klischee aufräumt, dass die Kirche nur mit den Oberen, den Fürsten und Herzögen, Grafen und Königen koalierte. Hier war ein Pfarrer mehr als eindeutig auf der Seite der Armen. Dass er nicht der einzige war, kann in den einschlägigen Ausstellungen und Büchern zum Reformationsjahr genau nachgelesen werden. Es wird Zeit, dass dieses Klischee von der gesamten Obrigkeitshörigen Kirche im Mittelalter als das offenbar wird, was es ist: politisch motivierter Unfug, der nicht dadurch richtiger wird, dass er immer neu wiederholt wird. Das Leben ist differenzierter und es ist eben nicht Schwarz-Weiß.

Natürlich gab es die Geistlichkeit, die sich zu den Oberen hielt, es gab aber auch das Gegenteil. Der Film zeigt sehr deutlich, dass das bei den Bauern ebenso war. Auch da gab es Denunzianten, die die Sache der Bauern zum eigenen Vorteil verrieten. Der Sieg der Fürsten war letztendlich einer der militärtechnischen Überlegenheit, menschlicher Verrat und Denunziation haben ihn nur befördert.

Der Film selbst ist kein herausragendes Opus. Der Vielschichtigkeit des Reformators und Menschen Thomas Müntzer wird er nicht gerecht. Seine Motivation war eine dezidiert christliche: Er wähnte das Ende der Welt und damit das Reich GOTTes unmittelbar bevorstehend. Nur daraus ist seine, auch gegen sich selbst unversöhnliche und unnachgiebige Haltung erklärbar. Weil das Endgericht ohnehin bald kommt, kann ich die uns nun drohenden Leiden (er)tragen.

Sein Blick auf Ehefrau Ottilie und seinen Sohn ist dadurch eingeschränkt eine, zumindest aus heutiger Sicht, an Dramatik kaum zu überbietende Fehlleistung Müntzers, die für ihn als Theologen kein Aushängeschild ist. Dass Ottilie mitsamt Sohn zum Waldshuter Haufen geflohen wäre, ist Fiktion. Wir wissen nicht wie ihr Leben weiter verlief. Mit Sicherheit nicht so geborgen und friedlich wie das unsere.

Dieser Film und der Umgang mit ihm in den beiden deutschen Staaten macht auf ein Phänomen heutiger Zeit aufmerksam. Zum einen: jeder Mensch ist vielschichtiger als wir von außen glauben. Wir werden einander nicht gerecht, wenn wir sagen, der oder die ist so oder so. Es gibt auch heute kein Schwarz-Weiß.

Zum anderen: jeder Mensch kann nur einen Teil der ganzen Wahrheit erkennen, niemandem ist es gegeben, die ganze Wahrheit zu erfassen. Dem größten Gelehrten der Antike, der wohl jedem von uns an Gelehrsamkeit überlegen war, wird von Cicero der Satz zugeschrieben: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Je mehr Antworten wir auf Fragen finden, umso mehr neue Fragen tun sich auf. Deshalb weiß der Kluge, dass er nichts weiß. Das Gegenteil davon ist das Stammtischgebrabbel der Sorte „wenn die mich mal nur an die Macht ließen.“

Auf unsre gesellschaftliche Situation umgebrochen erinnert mich das an das Stichwort „Lügenpresse“. Hier wird durch die, die das Wort in den Mund nehmen, unausgesprochen behauptet, dass sie die Wahrheit kennten und die Presse (welche auch immer) Lügen verbreite.

Wenn wir an eben Gesagtes erinnern, wissen wir, dass sich das auf der intellektuellen Ebene von Stammtischen bewegt, auf der sich inzwischen auch mancher Staatenlenker befindet, der vorgibt die Wahrheit zu vertreten und alles andere seien „fake news“ so offensichtlich („beschränkt“ im Sokratischen Sinne) wahr sie auch sein mögen.

Wenn wir alle wissen, dass niemand die Wahrheit allein kennt, dann sollte uns das demütiger im Miteinander machen. Es wäre für uns und unsere Gesellschaft ein Ausweis hoher zivilisatorischer Kompetenz, wenn wir die Argumente austauschten (das ist ein Unterschied zu „um die Ohren hauen“) und miteinander nach der derzeit erkennbaren Wahrheit suchten, zum Wohle aller. Das vermisse ich und berufe mich dabei auf die biblische Wahrheit, die, im Gegensatz zur marxistischen Ideologie, die ja aus dem Film spricht, davon ausgeht, dass der Mensch fehlbar ist und der Erlösung durch GOTT bedarf.

Diese Komponente wird im Film einerseits und in unserem Alltag andererseits viel zu wenig bedacht. Wenn wir dies täten, wäre unser Umgang in unserer Gesellschaft von gegenseitiger Rücksichtnahme, Respekt und Zuvorkommenheit geprägt. Wir schnitten uns gegenseitig nicht das Wort ab, wir rüsteten nicht verbal oder ganz konkret mit Waffen auf. Wir lösten Differenzen durch überzeugende Argumente und nicht durch Drohgebärden.

Jesus sagt dazu: „Selig sind, die Frieden stiften, denn Sie werden GOTTes Kinder heißen.“

Ein gesegnetes Wochenende wünsche ich Ihnen
Superintendent Bálint

Kommentare sind hierzu nicht möglich
← zum Nachrichtenüberblick
→ Druckversion

Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.
→ Kommentar hinzufügen



Es gibt kein Recht auf Veröffentlichung.
Beachten Sie, dass die Redaktion unpassende, inhaltlose oder beleidigende Kommentare entfernen kann und wird.