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Fr, 03:51 Uhr
10.11.2017
Kulturszene aktuell

Vor Uraufführung befragt

Fragen an Christoph Ehrenfellner, Composer in Residence der Theater Nordhausen/Loh-Orchester Sondershausen GmbH, zur Uraufführung seiner Sinfonie Nr. 1 („Luther-Sinfonie“) im 3. Sinfoniekonzert am 11. und 12. November...

Im 3. Sinfoniekonzert des Loh-Orchesters wird Ihre Sinfonie Nr. 1 uraufgeführt. Was bedeutet Ihnen dieses Werk? Und was bedeutet der Konzertabend?

Dieses Wochenende ist für mich als Komponist wieder mal so was wie ‚Geburtstermin’... Sie müssen verstehen, dass ich als erfahrener Geiger, Kammermusiker und Dirigent die bald 300-jährige Geschichte der Sinfonie und alle ihre Protagonisten im kleinen Finger habe, und dass es eben dadurch nicht so trallala ‚ich schreib jetzt mal eben eine Symphonie’ ist für mich. Ich kenne die Schuhgröße und Bedeutung meiner Gattungsvorbilder Beethoven Nr. 9, Mendelssohn Nr. 2, Mahler Nr. 8, Bruckner Nr. 7 und muss – wenigstens vor mir selbst und vor meinen Fachkollegen wie zum Beispiel Daniel Klajner und dem Loh-Orchester – daneben irgendwie bestehen können. Ich messe mich mit den großen deutschen Sinfonikern. Ganz so tragisch wie Herr Brahms mit seiner Nr. 1 hab ich zum Glück nicht kämpfen müssen, aber, glauben Sie mir, es war ein Kampf!

Wie kam es zur kompositorischen Beschäftigung mit dem Thema Luther? Was ist Ihr Bezug, Ihr persönlicher Zugang zu dieser komplexen Gestalt?

Ich habe mich richtig eingelesen, und bin begeistert und fasziniert von der Tragweite der Ereignisse, die von dieser Gestalt ihren Ausgang genommen haben. Mann, das ist ein Herzstück europäischer Kulturgeschichte! Das Thema hat mindestens so viel Substanz wie Wagners Nibelungen-Ring! Als begeisterter Europäer, Idealist und unermüdlicher Mitarbeiter an unserer freien aber solidarischen Individualgesellschaft singe ich von ganzem Herzen und aus tiefster Überzeugung den Hymnus auf Luther, dessen Impulse und Neuerungen so viel ausgelöst haben, was uns heute selbstverständlich ist. All diese Gedanken und Gefühle nun umzusetzen in Töne, und hineinzupacken in die Form einer Chorsinfonie, das ist nun eben mein Job als Komponist. Ich habe den Auftrag mit Freuden angenommen, er hat mich außerordentlich bereichert mit Horizont, Einsicht und Erkenntnis.

Was werden die Zuhörer für Musik hören?
Inwiefern bezieht sie sich auf Luther? Skizzieren Sie seine Biografie in Tönen, oder hören wir eher ein musikalisches Portrait?

Den ersten Schlachtplan für die Symphonie zu erstellen war gar nicht leicht. Der Anspruch, so eine gewaltige Sache einzukreisen, ist enorm, und in zähem Ringen zwischen der Intendanz und mir ist es gelungen, eine Dramaturgie zu erstellen, die der Gattung ‚Chorsinfonie’ auch entspricht. Ich erstelle mit den 4 Sätzen meiner 1. Sinfonie so eine Art ‚emotionales Profil’ von vier Momenten, die aus meiner Sicht für Martin Luther ganz wesentlich waren: 1. Luthers geistig-seelischer Ausgangspunkt, die Apokalypse (die Angst vor dem strafenden Gott). 2. Der Hilferuf der gequälten Seele ‚de profundis clamavi’ und die leuchtende Erlösung im Glauben. 3. Das irdische Leben und einige der gewichtigen Statements, die Luther dazu zu sagen hatte. 4. Die Evokation des Propheten, also das Einkreisen des Momentums, das Luthers Worte und Gedanken zu einer Religions-stiftenden Macht erhoben hat, und endlich der Hymnus an die Gemeinschaft im Glauben.

Die Hörer werden auf eine emotionale, klangsinnliche Reise durch eben die vier genannten Themenkomplexe mitgenommen, und ich habe als Komponist gute Arbeit getan, wenn es gelingt, den Hörern diese Reise aufregend, wohltuend und vor allem seelisch lohnend zu machen.

Vor Uraufführung befragt (Foto: Birgit Susemihl)
Christoph Ehrenfellner mit der Partitur seiner „Luther-Sinfonie“ am neuen Nordhäuser Luther-Denkmal; Foto: Birgit Susemihl

Wie ist das Komponieren einer Sinfonie verglichen mit der Arbeit an Ihren bisherigen Werken?

Es ist gar nicht so anders als beispielsweise die Arbeit an einer Orchester-Fantasie (und da habe ich ja bereits vier Werke gemacht), nur größer, indem es ja diesmal über vier Sätze hinweg einen Zusammenhang geben soll. Ein guter Teil des Zusammenhangs entsteht natürlich schon aus dem oben genannten Konzept. Aber – auch darin lehne ich mich an Vorbilder wie Beethoven Nr. 9 – das Zurückgreifen des Finales auf die vorangehenden Sätze ist etwas, was der Sinfonie ganz besonders vorbehalten ist und eine schöne, große thematische Klammer schafft um das Ganze. Man braucht für eine etwa fünfzigminütige Chorsinfonie halt einfach mehr Ausdauer, einen längeren Atem und größere Weitsicht in der kompositorischen Vision als für eine zwanzigminütige Orchester-Fantasie oder Ouvertüre. Mehr Reife also. Es war mir sehr recht, dass ich als Komponist wenigstens zehn Jahre Schritte gemacht habe, bevor dieser Auftrag kam.

Wie haben Sie die Sinfonie komponiert? Hatten Sie die Musik quasi im Kopf und haben sie „nur“ noch niedergeschrieben, oder entstand die Musik vor allem beim Komponieren?

Sie fragen mich nach dem Phänomen der Kreation, des Schaffensprozesses an sich?! Das ist natürlich wahnsinnig individuell. Bei mir ist es eine Mischung aus den in Ihrer Frage skizzierten Positionen. Etwas, was nicht zuvor in Bauch und Kopf gebrütet ist, kommt auch nicht beim Komponieren... das Sich-Einfühlen und Bedenken, der Instinkt also, ist nun mal der einzige Trieb und Spürhund für das, was sich findet. Wenn sich Themen-Material und Visionen klanglich in mir eingestellt haben, dann beginnt der Kampf mit der Form, also, das Entwickeln und Umsetzen eines musikalischen Gedankens. So war es immer beim Komponieren – man erinnere sich an Bachs simples Beispiel der ‚Inventiones’ für Klavier, die jeder Eleve mal spielt – so ist es im Wesentlichen auch heute noch: Wenn man mal einen Einfall hat, was macht man dann damit?! Da verbinden sich nun Kunst und Handwerk, Genie und ganz normale Meisterschaft.

Haben Sie schon Pläne für die nächste Sinfonie?

Nein! Aber ich weiß, dass auch das noch kommen wird...


Was ist Ihre nächste Arbeit als Composer in Residence der Theater Nordhausen/Loh-Orchester Sondershausen GmbH?

Derzeit sitze ich an der zweiten Hälfte des Balletts ‚Die Kraniche des Ibykus’. Das Werk ist ebenso umfassend wie groß dimensioniert, und beansprucht mich enorm. Am 16. Februar ist Premiere am Theater Nordhausen – ich bin bereits unter Zugzwang, aber das ist ein ganz normaler Zustand für Komponisten. Wer den Termindruck nicht aushält, kann den Job unmöglich machen! Auch bei den ‚Kranichen’ liegt meine persönliche Latte wieder hoch: Strawinskis „Feuervogel“, „Le Sacre du printemps“, Prokofjews „Romeo und Julia“ sind meine direkten Gattungsvorbilder, und ich messe mich an ihnen. Die Kühnheit meiner Ansage besteht darin, dass ich zu mir selbst sage: ich will in der Wirkung meiner Komposition wenigstens an diese Giganten erinnern! Ob ein Wurf gelingt, das hängt von vielen Faktoren ab, Zeit und Geld spielen eine nicht unwesentliche Rolle dabei, und als Vater von drei kleinen Kindern bin ich in sehr irdische Realitäten eingespannt. Aber, manchmal bin ich ein echter Götterliebling, und bekomme einen tollen Einfall geschenkt! Dann trägt mich die Begeisterung über den irdischen Kampf hinweg und ich bin der Glücklichste!
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