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So, 16:19 Uhr
12.11.2017
Mario's Bücherkiste

Neue Studie über Marx und den Marxismus

Er wurde 1959 in Nordhausen geboren, hat in Redaktionen vieler großer Deutscher Zeitungen gearbeitet. Und der Mann liest gern. Für die Nordthüringer Online-Zeitungen stöbert Mario Bartsch in den Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt...


Wer glaubt, Karl Marx sei tot, der irrt. Denn spätestens mit dem Zusammenbruch des Finanzkapitalismus im Jahr 2008 richteten sich die Blicke wieder auf ihn erlangen seine Ideen neue Bedeutung. Die Historikerin Christina Morina erzählt in „Die Erfindung des Marxismus“, wie das Ideengebäude des Marxismus unter die Menschen kam. Für den Leser ist das Buch überaus lehrreich und unterhaltsam.

Im Jahr 2013 landet Karl Marx, der bärtige Revolutionär, auf dem dritten Platz bei der TV-Ranking-Show „Die größten Deutschen“, vor ihm nur Adenauer und Luther. Für viele war es eine faustdicke Überraschung, dass ausgerechnet dieser ausgewiesene Bürgerschreck und Klassenkämpfer auf einem Podestplatz landete. Ein Mann, der sich mit Sätzen wie „Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Kommunismus“ oder „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“ in den Geschichtsbüchern verewigt hat.

Zum 200. Geburtstag von Karl Marx 2018 wirft die Historikerin Christina Morina einen völlig neuen Blick auf Marx und seine Wirkung. Das dabei entstehende gruppenbiografische Porträt rekonstruiert die Anfänge der marxistischen Weltanschauung anhand der individuellen Sozialisations- und Politisierungserfahrungen und einer kleinen Gruppe von intellektuellen, die die öffentliche Thematisierung der sozialen Frage zu ihrem Lebensinhalt machten: den Prager Karl Kautsky, den Berliner Eduard Bernstein, die gebürtige Polin Rosa Luxemburg, Victor Adler in Wien, Jean Jaurès und Jules Guesde in Paris, den russischen Philosophen Georgi W. Plechanow, Wladimir I. Lenin und den deutsch-russischen Ökonomen Peter B. Struve.

Cover (Foto: Siedler Verlag) Morina schildert zunächst das Leben der Protagonisten: Kindheit und Jugend, die ersten Lebenserfahrungen. Im Vorwort schreibt sie dazu: „Wollte man sich die neun jungen Menschen, um die es im Folgenden gehen wird, auf einem Gruppenporträt vorstellen, wären darauf acht Männer und eine Frau zu sehen, deren Lebenswege sich schon aufgrund ihrer unterschiedlichen geografischen Herkunft grundsätzlich unterschieden. Andererseits glichen sie sich auf bemerkenswerte Weise, und zwar nicht nur vordergründig aufgrund der keineswegs zwangsläufigen Hinwendung zum Marxismus im jungen Erwachsenenalter, sondern auch hinsichtlich ihrer Vorprägungen in Elternhaus und schule sowie den sich daraus formenden Selbst- und Gesellschaftsbildern.“

Nachfolgend zeichnet sie dann ein lebendiges Bild ihrer Hauptdarsteller als Privatpersonen, inklusive saftiger Details aus ihrem Sexual- und Liebesleben. Hinter den Protagonisten scheinen zahlreiche andere Figuren auf: prägende Mütter und Geschwister; intellektuelle Gefährten, darunter der ältere Engels, der für viele ein wichtiger Mentor war; die Lebensgefährtinnen und -gefährten, die beim unsteten Wanderleben emotionalen Halt gaben; die namenlosen Informanten aus dem proletarischen Milieu; und nicht zuletzt die unzähligen früh verhafteten oder ermordeten Anhänger der Marx-Engelschen Lehre, insbesondere aus dem russischen Reich.

Morinas Buch taucht somit auf der Suche nach den Anfängen der Marx-Begeisterung tief in die Lebenswelten von acht Männern und einer Frau ein eine Gruppe von hochpolitischen, sensiblen, an den politischen und sozialen Zuständen ihrer Gegenwart interessierten jungen Menschen; von denen viele einander kannten und deren Briefwechsel teilweise erhalten sind. In „Die Erfindung des Marxismus“ wird der Marxismus also erstmals auch aus einer emotionsgeschichtlichen Perspektive untersucht und so ein Forschungsfeld bereichert, das gerade in Bezug auf die Motive und Formen politischen Engagements innerhalb der „alten“ und „neuen“ sozialen Bewegungen noch relativ am Anfang steht.

Über den Autor:

Christina Morina, geboren 1976, studierte Geschichte und Politikwissenschaft an den Universitäten Leipzig, Ohio und Maryland und wurde 2007 mit einer Arbeit über den Russlandfeldzug in der deutsch-deutschen Erinnerungskultur promoviert. Sie lehrte Neuere und Neueste Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und ist seit 2015 DAAD Visiting Assistant Professor am Duitsland Institut der Universität Amsterdam.
Mario Bartsch

Christina Morina: „Die Erfindung des Marxismus“
Gebundenes Buch; 592 Seiten
Siedler Verlag; 2017
25,00 Euro
ISBN 978-3-8275-0099-1
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