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Fr, 07:30 Uhr
30.04.2021
Doris Gunkel ist seit 30 Jahren Gewandmeisterin am Theater

Die Meisterin Nadelöhr

Sechs Intendanten hat sie erlebt, seitdem sie Anfang der Achtziger Jahre am Theater Nordhausen als Schneiderin anfing und ist nun am 1. Mai seit dreißig Jahren die Gewandmeisterin des Hauses. Seitdem bestimmt Doris Gunkel die Geschicke der Theaterschneiderei für Damen und Herren

Doris Gunkel ist morgen 30 Jahre Gewandmeisterin (Foto: W.Rauschning) Doris Gunkel ist morgen 30 Jahre Gewandmeisterin (Foto: W.Rauschning)


Nie in ihrem Leben wollte die Jubilarin etwas anderes werden als Schneiderin, als zuschneiden, abstecken nähen und was sonst noch alles zu diesem Beruf gehört. Folgerichtig erlernte sie im Nordhäuser Dienstleistungskombinat das Handwerk von der Pike auf und verlängerte ihre Berufsausbildung gleich noch mit einem Meisterlehrgang.

Als anerkannte Schneidermeisterin kam sie zu Beginn der 1980er Jahre ans Nordhäuser Theater und stellte schnell fest, dass sie hier genau richtig war. Anstatt alltäglich Röcke und Hosen zu schneidern, konnte sie hier Könige und Fabelwesen einkleiden und den phantasievollen Entwürfen der Kostümbildner die richtige Form und den richtigen Schliff geben.

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In den Aufbruchsjahren nach der Wende verabschiedete sich ihre Vorgängerin Marion Probst aus dem Theater, um sich selbständig zum machen. So schlug 1991 die Stunde der Doris Gunkel als neue Gewandmeisterin. Bereut hat sie diesen Schritt nie und sich über all die Jahre wohlgefühlt an ihrem Arbeitsplatz. Der nnz verriet sie das Geheimnis dieser Zufriedenheit: „Ich habe immer Kollegen gehabt, die vertrauensvoll hinter mir standen, was mir die Arbeit erleichtert und zum Vergnügen gemacht hat.“

Und Kollegen hatte die beliebte Chefin eine ganze Menge in dieser Zeit. „Kurz nach der Wende hatten wir ein bisschen Angst und viel Respekt, als die Kostümbildner aus den alten Bundesländern kamen. Aber ich bin mit allen sehr gut zurecht gekommen“, erzählt Doris Gunkel. Die Abschaffung der Schauspielsparte Anfang des neuen Jahrtausends sieht sie als größten Einschnitt ihrer Karriere. „Bei Schauspielproduktionen konnte es schon vorkommen, dass wir fertige Kostüme noch einmal austauschen oder neu anfertigen mussten, weil Regisseur und Kostümbildner sich kurz vor der Premiere anders entschieden haben. Da musste der Fundus herhalten oder wir legten Sonderschichten ein.“

Eine streng geregelte Arbeitszeit gibt es ohnehin nicht am Theater. „Gerade in der Endprobenzeit, wenn in den Originalkostümen geprobt wird, sitzen wir abends manchmal bis 23 Uhr mit dabei und müssen bis zur nächsten Probe am kommenden Vormittag die Änderungen fertig haben. Da fängt man dann schon mal um 7 Uhr an, damit alles rechtzeitig fertig wird.“

Dass ausgefallene Kostüm der Königin der Nacht aus Mozarts "Zauberflöte"  (Foto: oas) Dass ausgefallene Kostüm der Königin der Nacht aus Mozarts "Zauberflöte" (Foto: oas)


Nach ihren Lieblingsstücken mit den schönsten Kostümen befragt fallen der Gewandmeisterin spontan die Produktionen „Stars“ ein, als der bekannte Rocksänger Klaus Lage damals in Nordhausen auftrat. Aber auch das Musical „Die Päpstin“ und die Oper „Aida“ als wahre Kostümschlachten für Sänger und Tänzer blieben ihr in guter Erinnerung. Und natürlich die „Dracula“-Inszenierung von Ivan Alboresi. „Da bekomme ich heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie toll auf der Bühne alles zusammengespielt hat“, schwärmt sie.

Jetzt ist auch Doris Gunkel mit ihren Kollegen angesichts des Corona-Lockdowns in Kurzarbeit. Trotzdem wird von Montag bis Donnerstag in der Theaterschneiderei an den neuen Inszenierungen gearbeitet, die im Sommer bei den Schlossfestspielen in Sondershausen aufgeführt werden sollen. Aktuell ist Doris Gunkel mit den Kostümen für die „Adams Family“ beschäftigt und hofft, diese auch auf dem Schlosshof in Aktion sehen zu können. Es werden ihre letzten Schlossfestspiele werden, denn im Herbst übergibt Doris Gunkel nach mehr als dreißig Jahren als Gewandmeisterin Schere und Nadelkissen an ihre Nachfolgerin.

Doch vorher wird die bescheidene amtierende Chefin der Theaterschneiderei vielleicht mit einem Glas Sekt auf ihr tolles Jubiläum anstoßen. Verdient hat sie sich das allemal und schließlich ist der 1.Mai ja auch ein ausgewiesener Feiertag!
Olaf Schulze

Kleider in Tortenform (rechts unten) oder mit Schleppe wie in "Dracula" (links unten): Doris Gunkel hatte sie alle auf dem Tisch (Foto: oas)
Aufwendige und kunstvolle Stücke sind in der Theaterschneiderei die Normalität (Foto: oas)
In den regalen lagern einige Stoffballen und warten auf ihren Einsatz (Foto: oas)
Ein besonders reizvolles Stück: das Kostüm der Desdemona aus "Otello" (Foto: oas)
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