Sonderbares aus Sondershausen (17)
Donnerstag, 05. Dezember 2013, 22:51 Uhr
In unserer Reihe beschäftigt sich Eric Sommer mit einem Hype, der zur Zeit durch das Land geht: Der Überwachungswahn (1)...
Konzerne, Geheimdienste, Regierungen, Behörden, Onlinehändler, Krankenkassen, Versicherungen, Arbeitgeber, Freunde, Feinde… Alle wollen unsere Daten. Sie wollen lückenlos und rückwirkend und am liebsten auch vorausschauend wissen, wann wir wo sind, mit wem wir was tun, was, wie oft und wie lange wir mit wem reden, mit wem wir uns treffen, was wir kaufen, was wir essen und trinken, welche Interessen und Probleme wir haben und welche Krankheiten uns plagen. Sie wollen wissen, wie viel Geld oder Schulden wir anhäufen, welche politischen oder religiösen Überzeugungen wir in uns tragen, welche Wünsche und Träume wir hegen, wen wir lieben oder hassen und wie oft und mit wem wir wann, wo und wie lange Sex haben. Sie wollen mehr und mehr Daten über uns sammeln und Maschinen sollen ausrechnen, was wir morgen mit welcher Wahrscheinlichkeit tun werden.
Über die Hintergründe dieses Gebarens muss man nicht spekulieren, man kann es recherchieren. Auch wie es sich auf eine zukünftige Gesellschaft auswirken wird, kann man unter Hinzuziehung der Suchmaschine seines Vertrauens leicht herausfinden.
Heute soll es aber darum gehen, wie man sich vor der allgegenwärtigen Überwachung schützen kann, ohne vergeblich auf die Unterstützung der angeblich nichtsahnenden Politik zu hoffen. Und das ist einfacher als man gemeinhin denkt.
Beispiel Handy
Sie tragen sich mit dem Gedanken, sich so ein cooles, ultraflaches, hochauflösendes, superflinkes, alleskönnendes Smartphone zuzulegen, das man auch als Wasserwage, Taschenwärmer oder Kneifzange verwenden kann? Schließlich ist bald Weihnachten und selbstgestrickte Socken sind zwar stark im Kommen, machen aber nicht wirklich glücklich. Vergessen Sie diesen, ihnen wahrscheinlich von der Werbeindustrie implantierten Gedanken ganz schnell wieder und spendieren sie stattdessen ihrem alten Telefonknochen einen neuen Akku. Damit vermeiden Sie die Eröffnung zahlreicher weiterer Schnüffelfronten und Einfallstore, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll.
Sicher sind sie aber auch mit einem Althandy keineswegs. Mithören und Mitlesen oder Manipulieren von Kurznachrichten durch Dritte, die Ortung ihres Standortes, das Erstellen von Bewegungsprofilen oder eine akustische und optische Raumüberwachung sind leicht zu realisieren. Allein die Aufzeichnung der Standort- und Verbindungsdaten ermöglicht durch Korrelationsanalyse mit den Daten anderer Menschen beispielsweise eine computergestützte Darstellung ihrer Sozialstrukturen. Es gibt auch Programme, die die mitgehörten Gespräche automatisch verschriftlichen und gegebenenfalls übersetzen und so eine speicherschonende Langzeitarchivierung und automatisierte Auswertung ermöglichen.
Der Erstellung von Bewegungsprofilen können sie am besten entgegenwirken, wenn sie ihr Mobiltelefon nur noch Zuhause verwenden. Doch selbst in diesem Fall ist klar, wo sie sich gerade befinden, falls sie das Gerät benutzen. Wenn Sie das Telefon mitführen, sollte es nur eingeschaltet sein, wenn sie auch telefonieren. So minimieren sie die Aufzeichnung von Standortdaten, unterbrechen die Ortung und erschweren das Anlegen von Bewegungsprofilen. Mithören und Mitlesen können sie nur durch beidseitige starke Verschlüsselung unterbinden, was für den Normalbürger jedoch unbezahlbar und unpraktisch ist. Hier können Sie mit ihrem Gesprächspartner vielleicht eine pseudonyme Geheimsprache vereinbaren und so den Lauschern in die Suppe spucken. Anstatt zu texten Den geliehenen Jeansrock bringe ich dir morgen zurück., könnten Sie beispielsweise schreiben Der Stoff wird in 24 Stunden geliefert.. Oder sagen sie statt Wir wollen heute Nachmittag grillen. einfach nur Liefert die Kohle, sonst machen wir das Schwein kalt.
Um der Erstellung eines Sozialprofils entgegenzuwirken, sollten sie möglichst oft und möglichst zu Unzeiten verschiedene Personen anrufen, mit denen sie entweder nichts zu tun haben oder nichts zu tun haben wollen. Verfügen sie über eine Flatrate, können Sie wichtige Kurznachrichten an alle schicken, was ebenfalls zur Verfälschung ihrer sozialen Strukturen beiträgt.
Um eine ungewollte Raumüberwachung zu vermeiden (wann sie das für erforderlich halten, sei ihrer persönlichen Präferenz bzw. exhibitionistischen Neigung überlassen), bleibt ihnen ebenfalls nur die Deaktivierung des Handys. Das Gerät beim persönlichen Geschäft in der Hosentasche oder abends eingeschaltet auf dem Nachttisch zu belassen, ist jedenfalls keine gute Idee. Ein Kaugummi im Mikrofon und auf der Linse ist nicht nur aus ästhetischen Gründen keine akzeptable Lösung. Je nach Gerätetyp kann es sogar erforderlich sein, den Akku oder die SIM-Karte zu entfernen.
Besitzer eines Smartphones haben häufig schlechte Karten, denn die Geräte lassen sich weder vollständig ausschalten, noch kann man den Akku herausnehmen. Haben diese Modelle keinen Zugriff auf das Handynetz, nutzen sie ohne ihr Zutun selbständig gern auch mal alternative Möglichkeiten wie WLAN, Bluetooth oder gar Lautsprecher und Mikrophon. Abhilfe schafft eventuell eine elektromagnetisch dichte Keksdose (Faraday’scher Käfig). Am besten ist es jedoch, sie entsorgen solch Schnüffel-Equipment, indem sie seine Einzelteile auf verschiedene, möglichst weit voneinander entfernte Mülltonnen verteilen.
Eric Sommer
Autor: khhKonzerne, Geheimdienste, Regierungen, Behörden, Onlinehändler, Krankenkassen, Versicherungen, Arbeitgeber, Freunde, Feinde… Alle wollen unsere Daten. Sie wollen lückenlos und rückwirkend und am liebsten auch vorausschauend wissen, wann wir wo sind, mit wem wir was tun, was, wie oft und wie lange wir mit wem reden, mit wem wir uns treffen, was wir kaufen, was wir essen und trinken, welche Interessen und Probleme wir haben und welche Krankheiten uns plagen. Sie wollen wissen, wie viel Geld oder Schulden wir anhäufen, welche politischen oder religiösen Überzeugungen wir in uns tragen, welche Wünsche und Träume wir hegen, wen wir lieben oder hassen und wie oft und mit wem wir wann, wo und wie lange Sex haben. Sie wollen mehr und mehr Daten über uns sammeln und Maschinen sollen ausrechnen, was wir morgen mit welcher Wahrscheinlichkeit tun werden.
Über die Hintergründe dieses Gebarens muss man nicht spekulieren, man kann es recherchieren. Auch wie es sich auf eine zukünftige Gesellschaft auswirken wird, kann man unter Hinzuziehung der Suchmaschine seines Vertrauens leicht herausfinden.
Heute soll es aber darum gehen, wie man sich vor der allgegenwärtigen Überwachung schützen kann, ohne vergeblich auf die Unterstützung der angeblich nichtsahnenden Politik zu hoffen. Und das ist einfacher als man gemeinhin denkt.
Beispiel Handy
Sie tragen sich mit dem Gedanken, sich so ein cooles, ultraflaches, hochauflösendes, superflinkes, alleskönnendes Smartphone zuzulegen, das man auch als Wasserwage, Taschenwärmer oder Kneifzange verwenden kann? Schließlich ist bald Weihnachten und selbstgestrickte Socken sind zwar stark im Kommen, machen aber nicht wirklich glücklich. Vergessen Sie diesen, ihnen wahrscheinlich von der Werbeindustrie implantierten Gedanken ganz schnell wieder und spendieren sie stattdessen ihrem alten Telefonknochen einen neuen Akku. Damit vermeiden Sie die Eröffnung zahlreicher weiterer Schnüffelfronten und Einfallstore, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll.
Sicher sind sie aber auch mit einem Althandy keineswegs. Mithören und Mitlesen oder Manipulieren von Kurznachrichten durch Dritte, die Ortung ihres Standortes, das Erstellen von Bewegungsprofilen oder eine akustische und optische Raumüberwachung sind leicht zu realisieren. Allein die Aufzeichnung der Standort- und Verbindungsdaten ermöglicht durch Korrelationsanalyse mit den Daten anderer Menschen beispielsweise eine computergestützte Darstellung ihrer Sozialstrukturen. Es gibt auch Programme, die die mitgehörten Gespräche automatisch verschriftlichen und gegebenenfalls übersetzen und so eine speicherschonende Langzeitarchivierung und automatisierte Auswertung ermöglichen.
Der Erstellung von Bewegungsprofilen können sie am besten entgegenwirken, wenn sie ihr Mobiltelefon nur noch Zuhause verwenden. Doch selbst in diesem Fall ist klar, wo sie sich gerade befinden, falls sie das Gerät benutzen. Wenn Sie das Telefon mitführen, sollte es nur eingeschaltet sein, wenn sie auch telefonieren. So minimieren sie die Aufzeichnung von Standortdaten, unterbrechen die Ortung und erschweren das Anlegen von Bewegungsprofilen. Mithören und Mitlesen können sie nur durch beidseitige starke Verschlüsselung unterbinden, was für den Normalbürger jedoch unbezahlbar und unpraktisch ist. Hier können Sie mit ihrem Gesprächspartner vielleicht eine pseudonyme Geheimsprache vereinbaren und so den Lauschern in die Suppe spucken. Anstatt zu texten Den geliehenen Jeansrock bringe ich dir morgen zurück., könnten Sie beispielsweise schreiben Der Stoff wird in 24 Stunden geliefert.. Oder sagen sie statt Wir wollen heute Nachmittag grillen. einfach nur Liefert die Kohle, sonst machen wir das Schwein kalt.
Um der Erstellung eines Sozialprofils entgegenzuwirken, sollten sie möglichst oft und möglichst zu Unzeiten verschiedene Personen anrufen, mit denen sie entweder nichts zu tun haben oder nichts zu tun haben wollen. Verfügen sie über eine Flatrate, können Sie wichtige Kurznachrichten an alle schicken, was ebenfalls zur Verfälschung ihrer sozialen Strukturen beiträgt.
Um eine ungewollte Raumüberwachung zu vermeiden (wann sie das für erforderlich halten, sei ihrer persönlichen Präferenz bzw. exhibitionistischen Neigung überlassen), bleibt ihnen ebenfalls nur die Deaktivierung des Handys. Das Gerät beim persönlichen Geschäft in der Hosentasche oder abends eingeschaltet auf dem Nachttisch zu belassen, ist jedenfalls keine gute Idee. Ein Kaugummi im Mikrofon und auf der Linse ist nicht nur aus ästhetischen Gründen keine akzeptable Lösung. Je nach Gerätetyp kann es sogar erforderlich sein, den Akku oder die SIM-Karte zu entfernen.
Besitzer eines Smartphones haben häufig schlechte Karten, denn die Geräte lassen sich weder vollständig ausschalten, noch kann man den Akku herausnehmen. Haben diese Modelle keinen Zugriff auf das Handynetz, nutzen sie ohne ihr Zutun selbständig gern auch mal alternative Möglichkeiten wie WLAN, Bluetooth oder gar Lautsprecher und Mikrophon. Abhilfe schafft eventuell eine elektromagnetisch dichte Keksdose (Faraday’scher Käfig). Am besten ist es jedoch, sie entsorgen solch Schnüffel-Equipment, indem sie seine Einzelteile auf verschiedene, möglichst weit voneinander entfernte Mülltonnen verteilen.
Eric Sommer
