kyffhaeuser-nachrichten.de
Standardisierte Notrufabfrage in Nordhausen und Kyffhäuserkreis

Wiederbelebung per Telefon

Montag, 04. Mai 2026, 12:00 Uhr
Jedes Jahr sterben 65.000 Menschen in Deutschland an plötzlichem Herzstillstand. Doch Hilfe kann sofort beginnen. Im Landkreis Nordhausen leiten Disponenten im Schnitt bis zu dreimal pro Woche Anrufer per Telefon bei der Wiederbelebung an...

Die Rettungsleitstelle in Nordhausen arbeitet seit Anfang 2025 mit einer standartisierten Notrufabfrage.  (Foto: Archivfoto: Olaf Schulze) Die Rettungsleitstelle in Nordhausen arbeitet seit Anfang 2025 mit einer standartisierten Notrufabfrage. (Foto: Archivfoto: Olaf Schulze)
Rund 65.000 Menschen sterben nach Angaben der Deutschen Herzstiftung in Deutschland jedes Jahr an einem plötzlichen Herzstillstand. Entscheidend sind die ersten Minuten. Ohne Herzdruckmassage sinkt die Überlebenschance pro Minute um etwa zehn Prozent. Trotzdem zögern viele Menschen, im Ernstfall einzugreifen. Oft aus Angst, den Kollabierten zu verletzen.

Dabei kann Hilfe schneller beginnen, als viele denken: direkt am Telefon. „Wir haben im Schnitt bis zu drei Telefonreanimationen pro Woche“, sagt Tobias Mielke, Fachgebietsleiter für Rettungsdienst, Brand- und Katastrophenschutz im Landratsamt Nordhausen. Disponenten in der Leitstelle leiten Anrufer dabei Schritt für Schritt bei der Wiederbelebung an, bis der Notarzt eintrifft. Das ist im Landkreis Nordhausen im Schnitt nach 14 Minuten der Fall.

Standardisierte Notrufabfrage eingeführt
Tobias Mielke, Fachbereichsleiter im Landratsamt Nordhausen, präsentiert die Einsatzsstatistik des Rettungsdienstes aus dem Jahr 2025. (Foto: ssc) Tobias Mielke, Fachbereichsleiter im Landratsamt Nordhausen, präsentiert die Einsatzsstatistik des Rettungsdienstes aus dem Jahr 2025. (Foto: ssc)
Da ein Herzstillstand sowohl für die Helfenden als auch die Disponenten in der Rettungsleitstelle eine extrem stressige Situation ist, kann die sogenannte standardisierte Notrufabfrage entlastend sein. Hinter dem etwas sperrigen Begriff steckt ein softwaregestützter Fragenkatalog. Er führt die Leitstellenmitarbeiter durch jeden Notruf, erkennt schnell lebensbedrohliche Situationen und gibt Schritt für Schritt konkrete Handlungsanweisungen. „Früher hat jeder der 25 Kollegen ein Notrufgespräch etwas anders geführt. Jetzt werden alle systematisch und gleich durch die Abfrage geleitet. Das schafft Sicherheit für beide Seiten“, erklärt Mielke.

Ein Jahr lief die standardisierte Notrufabfrage als Pilotprojekt in der Nordhäuser Leitstelle. Seit diesem Jahr ist das Abfrageprogramm fest im System implementiert. „Langfristig wollen wir mithilfe einer KI auch ein Übersetzungsmodul integrieren“, erklärt Mielke.

Doch nicht nur bei Herz-Kreislauf-Stillständen spielt das Programm eine entscheidende Rolle. Es kommt inzwischen bei allen Notrufen zum Einsatz. Auch bei weniger dramatischen Erkrankungen hilft das System dem Disponenten zu entscheiden, ob ein Notarzt gerufen werden muss oder ob auch der Hausbesuch eines Arztes des Kassenärztlichen Notdienstes ausreicht.

Wenn der Telearzt per Tablett zugeschaltet wird
Neu seit Januar 2026 ist ein Telenotarzt-System. Speziell ausgebildete Notärzte, die bei der Kassenärztlichen Vereinigung in Weimar sitzen, unterstützen die Rettungskräfte hier im Südharz vor Ort per Video- und Datenübertragung, geben medizinische Anweisungen und schalten sich in die Behandlung ein. Auch Vitalwerte können direkt übertragen und vom Arzt eingeschätzt werden.

Rund 100 Einsätze wurden laut Mielke in den ersten Monaten dieses Jahres so begleitet. Ziel ist es, die Versorgungsqualität zu verbessern und gleichzeitig die Notärzte vor Ort zu entlasten. „Aber der Telenotarzt bleibt immer nur ein ergänzendes Angebot“, betont Mielke.

Ersthelfer-App soll noch schneller Hilfe ermöglichen
Der Landkreis Nordhausen und der Kyffhäuserkreis wollen demnächst eine Notfall-App einführen: Nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit treten 70 Prozent der Herz-Kreislauf-Stillstände nicht im Krankenhaus, sondern im privaten Umfeld oder auf Arbeit auf. "Über eine sogenannte Ersthelfer-App könnten künftig registrierte, medizinisch geschulte Freiwillige in der Nähe eines Notfalls alarmiert werden", erläutert Mielke die Funktion der App. Per GPS-Signal werden die Helfer zum Notfall geleitet. Auch die Standorte von Defibrillatoren werden in einer solchen App angezeigt. Die Krux: Es gibt eine Vielzahl solcher Helfer-Apps. „Momentan haben wir mit dem Kyffhäuserkreis erste Absprachen getroffen und sind noch bei der Auswahl einer einheitlichen App, die wir dann in beiden Kreisen nutzen wollen“, sagt Mielke.

Ein bisschen Statistik
Mehr als 23.000 Einsätze verzeichnete der Rettungsdienst im Landkreis Nordhausen im Jahr 2025, darunter über 13.000 Einsätze von Rettungswagen. Die Leitstelle, die für den Landkreis Nordhausen und den Kyffhäuserkreis zuständig ist, koordinierte rund 47.900 Einsätze. Das sind im Schnitt 132 pro Tag.

Auch aus der Luft kommt Hilfe: Der Rettungshubschrauber „Christoph 37“ gehört zu den meist alarmierten in Deutschland und belegt bundesweit einen Spitzenplatz. 1.282 Mal ging der am Südharz-Klinikum stationierte Rettungshubschrauber im vergangenen Jahr in die Luft. „In den allermeisten Fällen bringt er den Notarzt zum Patienten“, erklärt Mielke. In den seltensten Fällen werden die Patienten mit dem Heli transportiert, sondern werden fast immer per Rettungswagen in ein Krankenhaus gefahren.
Susanne Schedwill
Autor: red

Drucken ...
Alle Texte, Bilder und Grafiken dieser Web-Site unterliegen dem Urherberrechtsschutz.
© 2026 kyffhaeuser-nachrichten.de