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Di, 10:17 Uhr
25.01.2022
Wenn der Job zum Leben nicht reicht

Trotz Job auf Hartz IV angewiesen

In den drei Nordthüringer Kreisen Nordhausen, Kyffhäuser und Unstrut-Hainich sind aktuell 2630 Menschen auf Sozialleistungen angewiesen – obwohl sie eine Arbeit haben...

Das teilt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) unter Berufung auf eine Statistik der Bundesagentur für Arbeit mit.

NGG-Regionalchef Jens Löbel spricht von „alarmierenden Zahlen“. Es könne nicht sein, dass so viele Menschen trotz Arbeit zum Jobcenter gehen müssten. „Besorgniserregend ist vor allem der hohe Anteil von Kindern, die unter Armutsbedingungen aufwachsen“, so der Geschäftsführer der NGG-Region Thüringen. Laut Arbeitsagentur leben bei 362 Hartz-IV-Aufstockern im Kreis Nordhausen Kinder im Haushalt. 121 dieser Haushalte werden von Alleinerziehenden geführt – 93 Prozent von ihnen sind Frauen.

Nach Beobachtung des Gewerkschafters sind niedrige Löhne eine Hauptursache des Problems: „Wer an der Bäckertheke oder in der Gaststätte arbeitet und dabei nur einen Mini- oder Teilzeitjob hat, für den wird es am Monatsende extrem eng. Nur wenn die Einkommen deutlich steigen, kann die Arbeit wieder zum Leben reichen.“ Die Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns auf 12 Euro pro Stunde, wie sie die Bundesregierung plant, sei dabei ein wichtiger erster Schritt. In Branchen wie dem Gastgewerbe und dem Lebensmittelhandwerk werde bislang oft deutlich zu wenig gezahlt – auch weil sich Firmen nicht an ausgehandelte Tarifverträge hielten. Nach einer aktuellen Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) arbeiten bundesweit drei von vier Aufstockern im Niedriglohnsektor.

„Besonders wichtig ist es, die Lage von Kindern in Hartz-IV-Haushalten zu verbessern. Armut darf nicht vererbt werden“, unterstreicht Löbel. Die von der Ampel-Koalition angekündigte Kindergrundsicherung sei ein „richtiger Schritt“. Mit der Reform sollen bisherige Leistungen für Kinder gebündelt und ein höheres Existenzminimum festgelegt werden. „Hier ist entscheidend, das Armutsrisiko für Kinder zu minimieren – indem die Bedarfssätze für Heranwachsende deutlich steigen“, so Löbel.

Das von Bundesfamilienministerin Anne Spiegel (Grüne) versprochene Gesetz dazu müsse nun rasch auf den Weg gebracht werden. Nach Angaben des IAB steigt die Armutsgefahr von Hartz-IV-Empfängern durch Kinder stark an. Insbesondere für Alleinerziehende: Ihr Risiko, das Einkommen beim Amt aufstocken zu müssen, liegt mit 40 Prozent am höchsten.

Wichtig sei zugleich, das Hartz-IV-System zu reformieren, damit auch Menschen, die derzeit keine Chance auf Arbeit hätten, in Würde leben könnten. „Der aktuelle Regelsatz für Alleinerziehende von 449 Euro im Monat ist viel zu niedrig. Für Lebensmittel sind gerade einmal 155 Euro vorgesehen – bei stark steigenden Preisen. Zu Jahresbeginn sind die Sätze nur minimal erhöht worden. So gibt es für Kinder bis 13 Jahren in einer Bedarfsgemeinschaft gerade einmal zwei Euro mehr“, erklärt Löbel. Da Hartz IV der Inflation schon lange hinterherhinke, komme die aktuelle Erhöhung von 0,76 Prozent einer Kürzung gleich. Mit einem menschenwürdigen Existenzminimum habe das nichts zu tun.

Löbel begrüßt die Pläne der Bundesregierung, Hartz IV durch ein sogenanntes Bürgergeld zu ersetzen. Hier dürfe es nicht nur um eine Namensänderung gehen, sondern es brauche eine echte Reform. Das Bürgergeld müsse höher sein als die bisherigen Leistungen aus der Grundsicherung – und für Betroffene leichter zu beantragen. Die bisherigen, oft sehr harten Sanktionen gehörten grundsätzlich auf den Prüfstand. Dies habe im Übrigen das Bundesverfassungsgericht entschieden.

„Beim Thema Aufstocker gilt aber auch: Die Unternehmen stehen ebenso in der Verantwortung. Sie müssen armutsfeste, tariflich abgesicherte Jobs bieten, damit niemand überhaupt erst aufstocken muss“, so Löbel weiter. Faire Löhne und attraktive Arbeitsbedingungen seien zugleich der beste Schutz vor dem Fachkräftemangel in vielen Branchen.
Autor: red

Kommentare
stachelbeere
25.01.2022, 12.30 Uhr
Schande!
Trotz Jobs, insbesondere Vollzeit-Jobs auf Hartz 4 angewiesen zu sein, ist eine große Schande für Deutschland. Ich will hoffen, dass die Mindestlohnerhöhung auf 12 €/Std. diesen Menschen endlich die Befreiung vom Mob...äh Jobcenter bringt.

Aber so wie ich es sehe, werden nicht alle in den Genuß der 12 Euro kommen, weil es bestimmt wieder Ausnahmen von der Regel gibt. Und davon werden die betroffen sein, die es am nötigsten haben.
Echter-Nordhaeuser
25.01.2022, 12.55 Uhr
"Auf Hartz IV angewiesen"
So ist das Arm trotz Arbeit und dies bei immer stetigen Anstieg aller Kosten.
Wenn eine Firma keine vernünftigen Löhne zahlen kann sollte die Bude dicht machen.
In Nordhausen gibt es auch genug möchtegern Unternehmen aber solche suchen die beliebten "Fachkräfte".
roni
25.01.2022, 12.56 Uhr
Luftnummer
die Lohnerhöhungen werden durch die Preissteigerungen wieder aufgefressen. Wo solls denn herkommen...... Achja Vater Staat lacht sich tot....
Micha123
25.01.2022, 20.17 Uhr
Trotz Arbeit auf Hilfe angewiesen
Schande... genau so ist es.

Und gehen die Leute wegen diese Sache auch spazieren? Oder nimmt man dies alles so einfach hin?

Wegen so einer Ungerechtigkeit müsste das Volk auf die Straße gehen.
tannhäuser
26.01.2022, 13.15 Uhr
Das wurde uns von Kohl...
Waigel, Blüm und Konsorten als "Soziale Marktwirtschaft" angepriesen...

Warum und was daraus wurde begann mit dem Kapitel Treuhand und ist heute noch in vollem Gange.

"Das Werk eines Bastards ist nie vollbracht!" Shakespeare. König Johann.

Die nächste Überschrift zu diesem Thema wird nicht lange auf sich warten lassen:

"Trotz 45 Arbeitsjahren als Rentner auf ergänzende Grundsicherung angewiesen".

Das blüht jedem, der schon als Arbeitnehmer ergänzendes H4 bekam, einen unterdurchschnittlichen Grundlohn bezog oder gar zwischendurch krank und/oder arbeitssuchend war.

Hauptsache, der Renten- und Lohn"durchschnittswert" sieht "sozialstaatlich" perfekt aus und Herr Froböse jubelt bei der Verkündung seiner gefakten Statistik (Wer da alles gar nicht erfasst wird, das hat schon Volker Pispers vor vielen Jahren eindrucksvoll aufgedröselt, aber ehrlicher geworden sind Nichts und auch Niemand von den Verantwortlichen)!
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