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Mo, 16:00 Uhr
10.04.2017
72. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau-Dora

Scheißhaus Glück

Zum 72. mal jährte sich heute die Befreiung des KZ Mittelbau-Dora. Wie jedes Jahr waren auch heute wieder Überlebende des Lagers nach Nordhausen zurückgekehrt und berichteten aus erster Hand, was ihnen während des Krieges und ihrer Zeit in den Lagern widerfahren ist. Die Zahl derer aber, die noch als Zeitzeugen berichten können, schwindet rapide...

Ein Überlebender aus der Ukraine am Mahnmal vor dem Krematorium (Foto: nnz) Ein Überlebender aus der Ukraine am Mahnmal vor dem Krematorium (Foto: nnz)
Pierre Berg ist heute 92 Jahre alt. 1943 war er sich nicht sicher, ob er sein 19. Lebensjahr erreichen würde. 1943 wird er zusammen mit seinem Bruder nahe Nizza verhaftet, als sie Freunde besuchen wollten, die sich der Resistancé angeschlossen hatten.

Die nächsten 18 Monate seines Lebens verbringt Pierre in der Hand der Nazis, überlebt Auschwitz, Dora und die Todesmärsche. In Dora rettet ihm der Zufall das Leben, erzählte der alte Herr heute auf dem Boden des zur Gedenkstätte gewordenen Konzentrationslagers. Ein Mithäftling hatte ihm gesagt, das man in Dora nur Wert auf Häftlinge mit Fachwissen legen würde, also gab er sich als Elektriker aus. Hätte er das nicht getan, meint Pierre Berg, dann wäre er wahrscheinlich in die Nieterei gekommen und das hätte seinen Tod bedeutet. Nicht weil die Arbeit hier besonders mörderisch gewesen wäre, sondern weil die SS es war.

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Als es im Lager zu einem Sabotageakt kommt, verschwenden die Nazis keine Zeit auf eine Untersuchung, sondern knüpfen alle in Frage kommenden Verdächtigen auf, 52 Menschen an der Zahl, allesamt aus der Nieterei, der Pierre Berg dank einer Lüge entging.

Seit 1947 lebt Berg in den USA, im sonnigen Kalifornien. Die Wurzeln seiner Familie liegen in Frankfurt/Oder, der Vater ist Ledefabrikant und viel unterwegs. Noch heute spricht Berg fließend Deutsch, Französisch und Englisch und kann eine Reihe anderer Sprachen zumindest verstehen.

Er wird viel reden und Fragen beantworten an diesem 72. Jahrestag der Befreiung des Lagers Mittelbau-Dora. Auch deswegen, weil er einer der letzten Menschen ist, die noch selbst erlebt haben, was damals wirklich geschehen ist. Gerade einmal sechs ehemalige Häftlinge haben in diesem Jahr den meist sehr weiten Weg nach Nordhausen auf sich genommen. Es sei ihre "heilige Pflicht" als Überlebende zurückzukehren und zu erinnern, zitiert Dr. Babette Winter einen der ehemaligen Häftlinge, der noch einmal angereist ist. Die Thüringer Staatssekretärin für Kultur und Europa sprach am Mittag in der Gedenkstätte zu den rund 250 erschienen Gästen.

Auch "Symbolorte der Barbarei" wie die Lager Dora und Buchenwald gehörten zur Geschichte Thüringens, nicht nur die Weimarer Klassik oder das Bauhaus. "Es braucht keine Wende in der Erinnerungskultur", sagte Winter mit Bezug auf die Äußerungen des Thüringer Landtagsabgeordneten Höcke, "es braucht das Gedenken". Es sei nicht nachvollziehbar, was die Menschen damals erlebt und gefühlt hätten, aber man könne versuchen zu verstehen, könne lernen und zuhören. "Solange ich atme, will ich erinnern und ihre heilige Pflicht übernehmen", sagte die Staatsekretärin.

Man dürfe zu den historischen Folgen von Ungleichheit und rassistischer Selbstermächtigung heute nicht schweigen, meinte auch Dr. Stefan Hördler, Leiter der Gedenkstätte. Das kritische Geschichtsbewusstsein könne nicht in Frage gestellt werden. Aufgabe der Gedenkstätten sei es, dieses Bewusstsein zu fördern und "wissenschaftlich, pädagogisch und vor allem menschlich" zu vertreten und an die junge Generation weiter zu geben.

An der Nordhäuser Gedenkstätte ist das vor allem die "Jugend für Dora", die sich seit 20 Jahren um für das ehemalige Lager und seine Überlebenden engagiert. Dazu gehören auch vielfach Projekte, die sich mit den dunkelsten Kapiteln der deutschen Geschichte ausführlich auseinandersetzen. Für einige ihrer Aktionen wurde die "Jugend für Dora" schon ausgezeichnet, 2017 wird der Harzer Kulturpreis hinzukommen. Auch an diesem Jahrestag ließ man es sich nicht nehmen, das Gedenken vom Rand der Stadt mitten in die Gemeinde und unter die Menschen zu tragen.

Seit gestern Abend sind an mehrere Stellen in der Stadt Bodenaufkleber zu sehen, die dazu einladen sollen, bei der Erinngerung an die Vergangenheit mitzureden. Sogenannte "QR-Codes" die auf die Website des Projekts verlinken, sollen vor allem die jüngeren Betrachter ansprechen. Neben Nordhausen haben die junge Leute ihre Aufkleber auch in Osterode und Bad Lauterberg angebracht, Orte an denen das KZ Dora-Mittelbau zwei von insgesamt rund 40 Außenlagern betrieb.

Gedenkstättenleiter Hördler zeigte sich dankbar für das Engagement der Jugendlichen. Es ist die nächste Generation, die das Heft der Erinnerungskultur schon bald wird in die Hand nehmen müssen. Denn fast im gleichen Atemzug, in dem er sich bedankte, musste sich Hördler auch von einer ganzen Reihe Zeitzeugen verabschieden. Mindestens zehn ehemalige Häftlinge haben im vergangenen Jahr ihre letzte Ruhe gefunden, bald schon wird es niemanden mehr geben, der wie Pierre Berg eindringlich von den Jahren der Naziherrschaft berichten kann.

Pierre Berg (Foto: nnz) Pierre Berg (Foto: nnz)

Sollte Herr Berg einmal nicht mehr sein: er hat seine Erinnerungen schon Anfang der 50er Jahre aufgeschrieben. "Scheißhaus Luck - surviving the Unspeakable" - "Scheisshaus Glück" hat er seine Memoiren genannt und beschrieben, wie er das "Unausprechliche" überlebt hat.
Angelo Glashagel
72. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau Dora (Foto: nnz)
72. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau Dora (Foto: nnz)
72. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau Dora (Foto: nnz)
72. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau Dora (Foto: nnz)
72. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau Dora (Foto: nnz)
72. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau Dora (Foto: nnz)
72. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau Dora (Foto: nnz)
72. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau Dora (Foto: nnz)
72. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau Dora (Foto: nnz)
72. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau Dora (Foto: nnz)
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72. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau Dora (Foto: nnz)
72. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau Dora (Foto: nnz)
72. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau Dora (Foto: nnz)
72. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau Dora (Foto: nnz)
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72. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau Dora (Foto: nnz)
72. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau Dora (Foto: nnz)
72. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau Dora (Foto: nnz)
72. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau Dora (Foto: nnz)
72. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau Dora (Foto: nnz)
72. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau Dora (Foto: nnz)
72. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau Dora (Foto: nnz)
72. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau Dora (Foto: nnz)
72. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau Dora (Foto: nnz)
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72. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau Dora (Foto: nnz)
Autor: red

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